Leseprobe Sonne des Südens

ISBN 978-3740784102

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Afghanistan, 15. Dezember 2017

Der Sturm lässt nach und sein keuchendes Heulen verstummt. Das dunkle Grau des Tages geht allmählich in ein tiefes Nachtschwarz über. Noch sehe ich die dichten Flocken, die wild über mein Gesicht tanzen. Die steifgefrorenen Hände tasten vorsichtig über die linke Schulter. Suchen nach der Wunde. Ich habe sie notdürftig versorgt. Dennoch sickert bei jedem Herzschlag Blut unter dem provisorischen Druckverband hervor. Taucht die dünne Folie, auf der ich liege, in sattes dunkelrot. Die Angst, die anfangs mein ganzes Denken beherrschte, flacht langsam ab. Längst hat der Kopf die verbleibenden Optionen geprüft. Verschiedene Szenerien durchgespielt, die Lage beurteilt und nach Lösungen gesucht. Um mich langsam begreifen zu lassen, dass ich verloren habe und den Einsatz nicht überleben werde. Die Chance, dass sie nach mir suchen, ist verschwindend gering. Es ist meine Schuld. Es lag in meiner alleinigen Verantwortung die Führungsspitze persönlich zu unterrichten, ehe wir zu dieser Mission aufbrachen. Stattdessen verschickte ich nur ein kurz gehaltenes E-Mail in dem ich ankündigte Maiers Stelle einzunehmen. Es ist kurz vor Weihnachten und die nächsten Einsätze sind erst für Mitte Januar geplant. Alle Führungsoffiziere, die nicht mit laufenden Missionen betraut sind, befinden sich längst im wohlverdienten Urlaub. Kaum anzunehmen also, dass jemand vor dem 6. Januar meine Nachricht lesen und eine Suchaktion veranlassen würde. Eine geradezu stoische Ruhe hat mich erfasst. Hier wird es also enden. Tausende Kilometer von meiner Heimat entfernt, auf diesem gottverdammten Berg. Zwei endlose Tage halte ich mich nun schon wach. Weiß, dass wenn ich einschlafe nicht mehr aufwachen werde. Und so analysiere ich in Gedanken erneut den Einsatz. Versuche den Fehler zu finden, der mich in diese aussichtslose Lage brachte. Um mir einzugestehen, dass es wohl mein Hochmut war, der mich in dieser Hölle aus Eis und Schnee stranden ließ. Für mich war dieser Auftrag nicht mehr als eine lästige aber unumgängliche Aufklärungsmission. Ich habe sie maßlos unterschätzt. Kein Wunder. Die vergangenen Monate verbrachte ich in einem klimatisierten Büro. Tage die mich vergessen ließen, wie unberechenbar der Berg und ein Einsatz im Dezember ist. Mein Fehler. Wäre ich nicht so unglaublich arrogant gewesen würde ich jetzt nicht halb erfroren in dieser Mulde liegen die wohl mein Grab werden wird. Bei meinem überstürzten Rückzug ließ ich neben meinem G22A2 meine gesamte Ausrüstung zurück. Und so besitze ich, außer meiner HK MP7 nicht mehr, als ich in den Hüfttaschen meines weißen Tarnanzugs trage. Es ist nicht viel. Eine klappbare Minischaufel, mit der ich die flache Grube aushob. Eine dünne Folie, die mich vor der ärgsten Kälte schützt und 4 Kraftriegel von denen nur noch ein halber übrig ist. Um mich von meiner aussichtslosen Lage abzulenken, gehe ich erneut den Einsatz durch…

4 Tage zuvor

Ich saß am Schreibtisch. Erstellte gerade die Dienstpläne für Januar, als es klopfte. „Oberstleutnant Maier hat sich krank gemeldet. Er war für die Aufklärungsmission in Afghanistan vorgesehen.“, informierte mich einer meiner Offiziere formlos. Ich fluchte innerlich. Wusste, dass es so gut wie unmöglich sein würde, so kurz vor den Weihnachtsfeiertagen Ersatz für ihn zu finden. „Na gut, Pech gehabt!“, sagte ich mit schräg verzogenem Mund. „Da wir die Information jedoch für die Aktion im Januar benötigen werde ich den Einsatz übernehmen müssen!“ Ein süffisantes Grinsen zeichnete sich auf der Miene des Oberstleutnants ab und forderte mich geradezu heraus. „Gestatten sie mir den Einwand, dass sie lange nicht auf Feldeinsatz waren und sich ihre operative Erfahrung auf wenige Missionen beschränkt. Und Agent Schmidt, den sie neben Maier eingeteilt haben, ist ein Neuling und völlig unerfahren.“ Das war wohl wahr. Tatsächlich leitete ich noch nie einen Auslandseinsatz. War längst nicht mehr so fit wie während meiner aktiven Zeit. Doch gerade deshalb stachelten seine Worte mein Ego an. „Ich wüsste nicht, dass ich ihre Zustimmung benötige.“, erwiderte ich großkotzig. „Ganz abgesehen davon, war ich es der diese Mission plante. Ich kenne die Satellitenbilder und jedes noch so nebensächliche Detail. Selbst wenn es mir tatsächlich an Erfahrung mangeln sollte, so bin ich doch jederzeit in der Lage eine dermaßen einfache Operation durchzuführen.“ Er salutierte und verließ beleidigt mein Büro. Und so saß ich tags darauf mit Oberstleutnant Schmidt in einer Militärmaschine. Kannte den Werdegang des blutjungen Agenten nur vom Papier. Er absolvierte die Militärakademie und diente zuvor bei einer Spezialeinheit der Bundeswehr. Wechselte erst vor knapp einem halben Jahr zum BND und war im Außeneinsatz ebenso unerfahren wie ich. Diese Mission würde sein zweite werden. Anfangs lief alles wie geplant. Der Flug, der Zwischenstopp bei den Truppen in Kabul und die fordernde Anfahrt in die Berge. Vier Kilometer vorm Ziel verließen wir auf einem Waldweg den Jeep und folgten mit Hilfe des GPS der berechneten Route. Am Papier plante ich für den Fußmarsch durch den unwegsamen Wald höchstens eine halbe Stunde ein. Doch unerwartet schlug das Wetter um. Nebel brach ein und ein schwerer Schneesturm zog auf. Drosselte das Tempo und ließ uns erheblich langsamer vorankommen, als es der Zeitplan vorsah. Und so dämmerte es bereits als wir mit gewaltiger Verspätung den Bergkamm erreichten. „Wir müssen uns beeilen!“, drängte ich. „Der Sturm gewinnt an Kraft. Ich hoffe, zumindest jetzt läuft alles nach Plan. Sie nähern sich dem Objekt, machen ein paar Aufnahmen und dann nichts wie ab nach Hause. Ich übernehme ihre Rückendeckung und breche die Funkstille nur wenn es unbedingt erforderlich werden sollte. Also halten sie die Kommunikationswege offen und seien sie vorsichtig. Wenn ihnen irgendetwas verdächtig erscheint, brechen sie ab. Wir biwakieren dann eben und probieren es morgen noch einmal. Kein unnötiges Heldentum, das ist eine simple Aufklärungsmission.“ Der junge Offizier nickte eifrig. Kroch durch den Schnee, während ich ihn und die Umgebung mit dem Zielfernrohr meines G22A2 im Auge behielt. Er hielt sich penibel an die Vorgaben. Erreichte die berechnete Position und zog die Infrarot-Wärmebildkamera aus dem Rucksack. Damit wollten wir die Mannstärke am Berg erkunden. In ihrem schlecht isolierten Hauptquartier würde jeder Körper wie eine Kerze am Christbaum glühen. Keine Ahnung was mich dazu bewegte. Instinkt oder einfach nur Glück. Jedenfalls schwenkte ich irgendwann das Zielfernrohr auf den Wald hinter uns. Entdeckte dabei vier Mann die Schmidt offensichtlich bereits ins Visier genommen hatten. Sich in bebückter Haltung näherten und nur noch nach einer geeigneten Schussposition suchten. „Abbruch!“, brüllte ich hektisch ins Funkgerät. „Vier Mann 90 Grad hinter uns. Vergessen sie die Ausrüstung. Ziehen sie sich zurück und achten sie auf ihre Deckung.“ Die Warnung kam einen Tick zu spät. Binnen Sekunden verwandelte sich der Platz vor ihrem Hauptquartier in ein Wespennest. Eine Horde Talibans stürmte aus dem Gebäude und eröffnete unverzüglich das Feuer. Es gelang mir noch die Männer hinter uns gezielt auszuschalten, ehe er eingekesselt wurde. Schmidt rannte panisch durch den Tiefschnee. Erwiderte nun ebenfalls verzweifelt den Angriff. Mein Versuch, sein Leben mit blindem Dauerfeuer zu retten, scheiterte. Hilflos musste ich mit ansehen, wie er im Kugelhagel zu Boden ging. Sie seinen blutenden Körper hochzerrten, unter johlendem Beifall mit einem gezielten Kopfschuss liquidierten und ihn wie Abfall in den Neuschnee warfen. Längst hatten sie mein nicht enden wollendes Mündungsfeuer entdeckt und wandten sich nun mir zu. Es dauerte bis mein Verstand Schmidts Tod akzeptierte, den Rückzug befahl und auf Überlebensmodus schaltete. Ich griff nach dem Rucksack, steckte die noch vorhandene Munition in die Hüfttaschen. Ließ den Rest der Ausrüstung zurück und lief geduckt im Zickzackkurs zum Wald. Er war zum Greifen nah, als sich eine ihrer Kugeln in meine linke Schulter bohrte. Die Wucht des Aufpralls warf mich in den Schnee. Ließ mich wie ein hilfloses Tier zum Waldrand kriechen. Dort zog ich mich an einem Baumstamm hoch und hetzte weiter. Gute drei Stunden jagten sie mich wie ein verwundetes Reh, ehe ihre Stimmen verstummten und nur mehr der Sturm heulte. Während meiner kopflosen Flucht verlor ich die Orientierung. Ohne GPS im Finsteren den Rückweg zum Jeep zu finden erwies sich bald als ein aussichtloses Unterfangen. Also beschloss ich die Morgendämmerung abzuwarten. Wühlte in der Hüfttasche und schob die einzige Packung Mullbinde, die ich bei mir führte, als Druckverband unter die Thermounterwäsche. Hoffte, dass der Umstand, dass sie so eng anlag verhindern würde, dass ich langsam verblutete. Danach grub ich, so wie ich es beim Überlebenstraining lernte, eine tiefe Mulde in den Neuschnee. Die letzten 52 Stunden suchten sie nach mir. Kamen dem Versteck bedrohlich nahe. Verhinderten so, dass ich mein eisiges Grab verlassen und die Flucht fortsetzen konnte.

Leise Schritte auf der hart gefrorenen Oberfläche reißen mich aus den Gedanken. Mein geschultes Ohr erkennt, dass jemand direkt auf mein Versteck zu hält. Ihm näher kommt, als in den vergangen Tagen. Ich öffne die Augen. Die steifen Muskeln spannen sich und der Wille zu überleben wird übermächtig. Für einen Moment vergesse ich Kälte und Schmerz. Taste nach der Waffe und berechne in Sekundenbruchteilen meine Chancen. Mein Verstand signalisiert klar, dass sie gegen Null gehen. Alles in mir begehrt auf. Will lieber kämpfen, als wie ein Stück Vieh abgeschlachtet zu werden. Das Magazin meiner HK MP7 ist so gut wie leer. Ich rechne fieberhaft nach. Habe, wenn es hochkommt, höchstens noch drei oder vier Schuss. Dann steht er vor mir, ein Mann wie ein Baum. Dick eingehüllt in einen Mantel aus wild zusammengewürfelten Fellen. Meine Waffe schnellt hoch erfasst ihr Ziel um langsam zurück in den Schnee zu gleiten. Ich habe gelernt einen harmlosen Jäger von einem Angreifer zu unterscheiden. „Hoho!“, sagt er erschrocken und lässt Jagdbüchse und Hasen fallen. Sein bärtiges Gesicht beugt sich über mich und er wirft einen besorgten Blick nach hinten. „Keine Angst! Ich bin alleine und gehöre nicht zu ihren Feinden.“, gibt er mir in gebrochenem Englisch zu verstehen. So überfallsartig wie die Kraft die Muskel reagieren ließ, verlässt sie mich auch wieder. Der Kopf, der eben noch voller Energie nach vorne schnellte, sackt kraftlos in den Schnee zurück. „Ich bin Deutscher Soldat. Ich wurde von meiner Einheit getrennt und brauche ihre Hilfe.“, sage ich und die Worte sprudeln nur so über meine Lippen. Ich lüge. Hoffe, dass er nicht durchschaut, dass ich mehr bin als ein einfacher Soldat. Kurz blitzen seine dunklen Augen auf, doch dann nickt er bedächtig. Entfernt sich, kommt mit einem Ungetüm von Schlitten zurück und macht eine einladende Geste. Ich versuche mich aufzurichten, Halt zu finden. Um doch wie ein hilfloses Kind zurück in die Grube zu fallen. Seine Hände greifen nach mir. Hieven mich mit einer einzigen kräftigen Bewegung auf das seltsame Gefährt und begraben meinen unterkühlten Körper unter einem Berg zotteliger Felle. Der Schlitten setzt sich ruckartig in Bewegung. Das monotone Geräusch der Kufen, die nun im rasanten Tempo den Hügel hinuntergleiten, lullt mich ein. Versetzt mich in eine Art Trance. Die Gedanken werden wirr. Fliegen, um letztendlich an jenen Ort zurückzukehren an dem alles begann…

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